DIE GRÜNEN IM KREIS HEILBRONN

Wölfe zwischen Stuttgart und Stromberg - zwischen Fakten und Fake-News

Unter diesem Titel hatte die Offene Grüne Liste Pleidelsheim gemeinsam mit den Kreisverbänden Heilbronn und Ludwigsburg den NABU-Wolfsbotschafter Dr. Markus Rösler MdL und die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands Anette Wohlfarth eingeladen, um interessierte Bürger*innen zu informieren. Daniel Renkonen MdL aus dem Kreis Ludwigsburg und OGL-Gemeinderat Dieter Rohr begrüßten die über 100 Besucher*innen im Alten Rathaus Pleidelsheim .

Daniel Renkonen MdL (3.v.l) im Gespräch mit den Grünen Mitgliedern aus dem Kreis Heilbronn Max Palm Benedikt Seyb und Bernd Mayer (v.l.n.r.)

Die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands Baden-Württemberg Anette Wohlfahrt im Gespräch mit Dr. Markus Rösler MdL und NABU-Wolfsbotschafter

„Früher konnte der Wolf mit einem Riss eines Nutztieres für eine Familie die Lebensgrundlage wegnehmen und darum hat  man den Wolf ausgerottet“, so Markus Rösler in seiner Einleitung. Diese Existenzbedrohung sei heute nicht mehr in der Form gegeben. Trotzdem sei jedes Nutztier, dass durch einen Wolf gerissen wird, eins zu viel.

Der Grüne Landtagsabgeordnete Rösler beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit dem Wolf und gibt einen umfassenden Überblick über die Ausbreitung des Wolfs in Deutschland und den angrenzenden Ländern. Mittlerweile gebe es in Deutschland wieder um die 600 Wölfe. Dabei werde der Wolf jedoch nicht angesiedelt, wie immer wieder fälschlicherweise berichtet werde, sondern er suche sich sein Revier auf seiner Wanderschaft selbst aus. Rösler stellt fest, dass es weder sinnvoll sei, den Wolf zu verklären, noch ihn wieder vertreiben zu wollen – er sei ein Teil der biologischen Vielfalt in Deutschland und Europa. Der Wolf beziehe seine Nahrung vorwiegend aus Reh- und Rotwild sowie Wildschweinen und Rösler räumt ein: Das einzige Tier, das derzeit Gefahr laufe, durch den Wolf ausgerottet zu werden, sei das Muffelschaf, welches in Deutschland angesiedelt wurde und nur bei Abwesenheit von natürlichen Feinden überleben könne.

Der Wolf sei nützlich, weil durch seine Anwesenheit. die Rehe und Wildschweine ihre Äsgründe häufiger wechseln. Damit unterstütze der Wolf indirekt die Arbeit der Förster. Lediglich Wölfe, die von Menschen angefüttert wurden oder mit Tollwut infiziert waren, seien verhaltensauffällig und gefährlich für Menschen geworden. In diesen Fällen greife das Bundesnaturschutzgesetz § 45 Abs. 7. Die Gesetzesgrundlage für „Problemwölfe“ existiere schon. Eine Zuordnung ins Jagdrecht verkompliziere einen eventuellen Abschuss sogar und das Umweltministerium habe gemeinsam mit Nachbarbundesländern Vorsorge für solche Ausnahmefälle getroffen.

244 tote Wölfe seien die bisherige Bilanz in Deutschland, von denen 70 Prozent durch Verkehrsunfälle, 12 Prozent durch illegale Tötung und nur knapp zehn Prozent durch natürliche Ursachen gestorben seien.

Rösler betont ausdrücklich, dass die Halter von Nutztierherden geschützt und ihre Bedenken aufgegriffen werden müssen. Die Zahl der gerissenen Nutztiere deutschlandweit bewege sich im vierstelligen Bereich. Da der Wolf durch EU-Recht als streng geschütztes Tier gelte, müsse die Politik sich um die Anliegen der Schäfer*innen kümmern und finanziell unterstützen. Die Grünen Fraktion im Landtag hat sich 2015/2016 mit einem Mittelantrag von 200000 Euro für ein Herdenschutzprogramm eingesetzt, ebenso für 2018/2019 noch einmal mit 300000 Euro für ein Wolfs-Herdenschutzprojekt. Die enge Zusammenarbeit zwischen Naturschutzverbänden und Schafzuchtverband sei vorbildlich, auch für andere Bundesländer, meint Rösler. Man orientiere sich hoffentlich bei der Konzeption an den langjährigen Erfahrungen aus der Schweiz, Sachsen und Niedersachsen. Kernpunkte seien die Kombination von Elektrozäunen und die Integration von Herdenschutzhunden.

Am Schluss fügt der Wolfexperte Rösler mit einem leichten Bedauern an, dass er noch keinen Wolf in freier Natur gesehen habe. Und er ergänzt, dass es in den letzten 18 Jahren, seit es wieder Wolfsrudel gebe, keine einzige Situation gegeben habe, in der sich ein Wolf Menschen aggressiv genähert habe.

Die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands Anette Wohlfarth, die selbst aus einer Familie von Schafzüchtern stammt, zeigt in ihrem Bericht die Probleme auf, die ihr Verband im Hinblick auf die Rückkehr des Wolfes sehe. Die unbürokratische Entschädigung für ein durch einen Wolf getötetes Schaf werde zwar ausdrücklich gelobt, finanzielle Probleme gebe es aber in anderen Bereichen. Die“De-minimis-Regelung“ lt. EU-Vorgabe mit einem Limit von 15.000 Euro in drei Jahren decke nur im gewissen Umfang die Entschädigungen durch Wolfsrisse.

Das gelte auch für den Versicherungsschutz, den Schäfer*innen verlören, wenn  z.B. wiederholt Schäden durch aufgescheuchte Tiere entständen. Könne für eine Herde keine Haftpflicht mehr abgeschlossen werden, gehe dies sehr schnell an die finanzielle Belastbarkeit. Daher  fordere der Verband dringend neue Regelungen. Die vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen seien nur Teillösungen. Der Schutz durch höhere Zäune sei oft nicht zu realisieren, weil das Gelände, in dem sich die Schafherden bewegten (z.B. auf der Schwäbischen Alb), nicht immer geeignet sei. Die Kosten für die Anschaffung und Aufstellung der entsprechenden Zäune seien finanzielle Hürden für die Schäfer*innen. Auch die Anschaffung der Herdenschutzhunde könne nicht von jetzt auf gleich umgesetzt werden. Ein gut ausgebildeter erwachsener und zertifizierter Herdenschutzhund koste zwischen 4000 und 5000 Euro und die Herde müsse an ihn gewöhnt werden. Außerdem sei zu berücksichtigen, dass in Baden-Württemberg nur ca. 20 Prozent der Schäferbetriebe Herdenschutzhunde einsetzen könnten. Der Schafzuchtverband fordere daher Verbesserungen: Das Haftungsrisiko dürfe nicht beim Tierhalter liegen, die Herdenschutzmaßnahmen müssen in der Praxis umsetzbar sein, der finanzielle und personelle Aufwand müsse unterstützt werden und es müsse  eine volle Entschädigung bei Nutztierrissen erfolgen. Wölfe, die Weidetiere reißen, müssen entfernt werden. Die Zäune müssen auf die Anforderungen in BW besser angepasst werden und es solle eine Beratungsstelle für Herdenschutzhunde eingerichtet werden.

Am Schluss mahnt Anette Wohlfarth:“ Stirbt die Weidetierhaltung, stirbt ein Teil der Artenvielfalt. Wir leisten mit unseren Schafherden einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz“.

Trotz der teilweise kontrovers vorgetragenen Argumente können die Interessierten feststellen, dass beide Referierenden versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden und gut miteinander auch im Verbund mit den Naturschutzverbänden kooperieren. Beide begrüßen die Einrichtung eines Wolfsmanagements, das über Landesgrenzen hinweg agieren solle (der Wolf halte sich ja auch nicht an Ländergrenzen) sowie der Einsatz eines Wolfsmonitoring zur besseren Unterstützung der Schäfer*innen und anderen Weidetierhaltern.